Hauch Glämmer*

Wem die zwölf Monate des vorausgegangenen Jahres noch nicht gereicht haben, erhält mit einem Gruß aus dem Blumengeschäft eine erste neue Gelegenheit, sich ausgiebig zu wundern. Mein Bruder brachte mir bei seinem jüngsten Besuch ein kleines winterliches Sträußchen mit, was mich natürlich freute. Und doch. Ich hätte da mal ein paar Fragen.

Was für eine Gesellschaft ist das, die es sich leistet, Gegenstände herzustellen, deren baldiges Ende in der Mülltonne bereits vor ihrer Herstellung besiegelt ist?

Auf welcher ökonomischen Grundlage kann Müll mit einer derartigen Produktionstiefe — Vorbereitung einer Form respektive Planung des Formgebungsprozesses, Druckvorlagenerstellung für Etikett und Banderole, Druck und Schnitt, Alufolienzuschnitt und Aufkleben der Kleinteile auf das Fläschchen — hergestellt werden?

Welche moralische Berechtigung hat die Existenz von Unternehmen, die sich der expliziten Herstellung von nicht oder schwer abbaubarem Müll widmen?

Wo sind diese Unternehmen und was verdienen die Menschen, die die Maschinen bedienen und in der Verpackung und im Versand arbeiten?

Abgesehen von derlei ökonomischen und sozialen Rätseln ist mir die Botschaft eines Blumenstraußes, der mit der Nachbildung einer Genussmittelverpackung gespickt ist, auch nicht ganz geheuer. Möchte das blasse Fläschchen zwischen pieksendem Nadelgrün und der unproportionierten Dreifach-Zucht-Tröte, genannt Amaryllis, daran erinnern, dass uns mit unserer sparsamen Wintervegetation etwas abgeht, und dass wir dieses Manko durch Drogenkonsum ausgleichen können? Handelt es sich gar um eine periodisch wiederkehrende, nur notdürftig verbrämte Aufforderung aus dem Nachbarland, Exportüberschüsse abzubauen? Oder signalisiert das Champagnerfläschchen bloß, dass der Schenkende eigentlich gern eine richtige Flasche Schampus mitgebracht hätte, ihm aber das Geld dazu fehlte? Waren es die üblichen Einwände (ich vertrag doch nix / muss noch fahren / mit dir möchte ich lieber nicht lallend unterm Küchentisch liegen), die ihn vom Kauf abhielten? Vielleicht wollte er mir durch die Blume auch einfach nur empfehlen, mir mal ordentlich einen zu brennen, damit meine Perspektive ins Lot gerate —

Das kleine Fläschchen hat es in sich. Falls jemand ein Kind mit Kaufladen kennt oder ein Kind, das auch ohne Kaufladen gerne Kaufladen spielt, freue ich mich auf Hinweise. Ich möchte einfach gern vermeiden, dass das Ding in einem Fischbauch landet oder als Nachtcreme eure Poren verstopft.

*schreibe „Glamour“

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