Neuro

Die Symptome einer Neurodermitis sind das Eine. Das Andere ist die Selbstbeobachtung und Bewertung dessen, was passiert, wenn es passiert. Interessant ist zunächst die Oberflächenstruktur; aber auch Umfang, Verteilung, zeitliche Abfolge und Dauer der Ausbreitung können Kriterien sein beim Versuch, den Ausschlag in den Griff zu bekommen. Bloß bleibt es leider beim Versuch. Denn während analytisches Denken über viele missliche Lebenslagen hinweg helfen kann, führt das Aufspüren von Zusammenhängen bei einer Neurodermitis meistens in die Falle. Zu zahlreich die möglichen Ursachen, unüberschaubar die denkbaren Verkettungen. Der erlittene Schock beim Ablesen des Hygrometers kann sich ebenso auswirken wie die schulische Situation des Sohnes der Chefin — ganz zu schweigen vom Zusammenwirken beider Umstände.

Über geschätzte zwei Jahrzehnte hatte ich mich deshalb nur noch oberflächlich mit meiner Haut beschäftigt und um Hautärzte einen weiten Bogen gemacht. Deeskalation durch Beruhigung des Gemüts und die Gewissheit, dass die borkigen Kringel und juckenden Pusteln mit dem Winter von selbst verschwinden, zog ich dem Pakt mit der Pharmaindustrie vor. Seit einigen Jahren aber zieht sich die „fleckige Zeit“ immer länger in den Sommer hinein. Und weil ich seit Weihnachten eine großflächige, schuppige Rötung am Hals mit mir rumschleppte und auch das Fasten im Frühjahr keine Besserung gebracht hatte, war ich bereit, das Thema erneut anzugehen. Und zwar, diesmal, aus dem Blickwinkel der Kräuterheilkunde. So sammelte ich Brennnesseln nicht mehr nur für meine Smoothies, sondern trank jetzt auch kannenweise Tee aus den Blättern. Der Tee schmeckte und tat gut — bis ich las, dass der entwässernde Effekt auf Dauer zur Demineralisierung führen könne. Oder stand da etwa „Demoralisierung“? Ich freute mich, als ich an einem alten Gemäuer in der Nähe des Rhein-Ufers eine Schöllkraut-Kolonie entdeckte. Bei meiner nächsten Fahrradtour steckte ich den allergrößten Gemüselöffel ein und grub ein paar Schöllkrautpfanzen aus. Aber der Tee aus dem Kraut verursachte mir mehr oder weniger regelmäßig Bauchweh. Besser also, das Kleingedruckte in den Kräuterbüchern aus der Stadtbibliothek noch einmal zu lesen. Ich versuchte es darauf hin mit einer selbstgemachten Salbe, wobei ich das im Rezept empfohlene Schweineschmalz durch Kokosfett ersetzte. Ja, richtig gelesen: böses Kokosfett.

Indes, die gerötete Stelle am Hals widersetzte sich all meinen Experimenten. In meiner Küche überwucherten inzwischen Sträuße von Kräutern, die ich noch bestimmen wollte, die Berge von Teeresten und nicht verwerteten Pflanzenteilen für die braune Tonne. Das Wohnzimmer glich einem Heuboden. Etwa proportional zu meiner Fähigkeit, Kräuter zu unterscheiden und zu benennen, war meine Verunsicherung gewachsen, schließlich hörte das Jucken nicht auf. Ich machte einen Termin beim Hausarzt. Der sah mich nur kurz an und sagte „Neurodermitis“. Dann bearbeitete er weiter seine Tastatur und lächelte müde, als ich eine Gelbsucht-Epidemie erwähnte, die Anfang der Siebziger Jahre an unserer Schule gewütet hatte und nicht ganz spurlos an mir vorbeigegangen war. Er schickte mich „zur Sicherheit“ bei seinem neuen Praxis-Kollegen vorbei. Der Kollege war ebenfalls zunächst für Neurodermitis. Doch wie ein Kaufmann, der die anspruchsvolle Kundin nicht auf Anhieb mit dem gängigen Produkt zufriedenzustellen vermag und deshalb in die Knie geht, um aus einer der unteren Schubladen ein seltener gefragtes Modell hervorzuzaubern, äußerte er den Verdacht auf Granuloma anulare. Granuloma what? Ich ließ mich an die Dermatologie der Uniklinik überweisen.

Der Termin rückte näher. Der Hautarzt war ein in sich gekehrter, nicht mehr ganz junger Mann mit Akzent und, wie es schien, mehr der Wissenschaft zugetan als den Menschen, die, grindig, schorfig, fleckig, tagein und tagaus sein Sprechzimmer passierten. Er bot mir sein schönes Profil zur Ansicht, während er in seinen Bildschirm blickte und mich befragte. Vom Verdacht des Kollegen hielt er nichts, für ihn war der Fall klar. Er versicherte mir, dass meine Schilderungen zu 150% mit den Schilderungen anderer Neurodermitiker übereinstimmten. Die Vorstellung war beendet. Ich verließ die Klinik mit der Diagnose „Neurodermitis“ und einem Rezept für zwei kortisonhaltige Präparate inklusive genauer Gebrauchsanleitung. Fest entschlossen, die vorgeschriebene Behandlung durchzuführen, legte ich zehn Euro auf den Ladentisch der nächsten Apotheke und ging mit zwei Tuben nach Hause. Am Küchentisch las ich den Beipackzettel der Salbe, die ich zuerst benutzen sollte, der mit der starken Konzentration. Ich schraubte sie auf, piekste ein Loch in die Folie der Öffnung, schnupperte vorsichtig an ihr. Schraubte sie wieder zu.

Weiter kam ich nicht. Plötzlich wusste ich wieder, wo ich stehe. Und eine Positionsbestimmung stärkt die Selbstheilungskräfte ungemein.