Warenwirtschaft

Es ist eine Art Training. Zumindest sage ich mir, dass es eine Art Training ist, wenn ich wie vorgestern in Kälte, Wind und Regen neben meinem Fahrrad auf dem Bahnhofsvorplatz stehe und auf einen Verkäufer warte. Kennzeichen und PKW-Modell hatte M. mir am Telefon durchgegeben. Gemerkt habe ich mir nur „GM“ und dass der Wagen schwarz sei. Wir winken uns zu, als wir uns erkennen.

Ich bin auf eine hastige Transaktion eingestellt. Wegen des Kurzparker-Halteplatzes und wegen des Scheißwetters wird M. womöglich im Wagen sitzenbleiben. Der Zwanziger, der Zehner und der Fünfer, die ich am Morgen aus meinem Sparschwein geangelt hatte, weil schon abzusehen war, dass ich es nicht mehr zum Geldautomaten schaffen würde, diese drei Scheine liegen nun griffbereit in meiner linken Manteltasche unter meiner linken Hand. Sechzehn Euro sollen den Besitzer wechseln, für ein Zahlenschloss. Zahlenschlösser werden nur selten angeboten.

M. steigt aus seinem Wagen aus, und auf den Ärmeln seines weißen Hemdes bilden sich schnell immer mehr Regentropfen ab, bis nur noch wenige trockene Stellen übrig sind. „Komm, lass ma‘ hier unters Dach stellen,“ sagt M. und schiebt mich sanft ein paar Meter weiter, wobei ich ja auch mein Fahrrad weiterschieben muss. Später denke ich, dass es dieser hastige Moment war, in dem ich den Fünf-Euro-Schein verloren habe. Denn als ich nach der Kurzeinweisung meines Verkäufers in die Geheimnisse des Zahlenschlosses das Geld aus meiner Tasche ziehe, sind da nur noch 30 statt 35 Euro. M. hilft mir noch, den Boden abzusuchen, leider vergeblich. Tut ihm leid, sagt er, inzwischen ziemlich durchnässt. Dann fährt er weg.

Eine Art Training — Das Zahlenschloss kommt aus China, stinkende Moleküle haben sich wie zur Bestätigung der Herkunft von der Stoffummantelung der Kette auf meine Hände übertragen. Bei dem großen Online-Anbieter, den ich grundsätzlich boykottiere, hätte ich das Schloss für rund 19 Euro kaufen können, inklusive Versand. Einen Moment lang komme ich mir ein bisschen blöd vor. Andererseits bin ich daran seit frühester Jugend gewöhnt und somit nicht erst, seit ich Anfang 2016 zum ersten Mal vom Begriff der „Postwachstums-Ökonomie“ erfuhr. Diese beruht auf der einfachen und schon älteren Erkenntnis, dass unser Planet als physisches Phänomen begrenzt ist, und dass somit auch die in unserer Erde befindlichen Rohstoffe endlich sind. Verringerung der industriellen Produktion, reduzierte Erwerbsarbeit, Selbermachen, Materialkreisläufe und gemeinschaftliche Nutzung von Gütern sowie deren Reparatur stehen somit im Zentrum des Interesses der Postwachstums-Ökonomie. Es ist wichtig, dass die Mitglieder der Zivilgesellschaft diese bis dato ungewohnten Strukturen mehr und mehr einüben, wenn wir das Diktat der Ökonomie überwinden wollen. Deshalb kaufe ich gerne Gebrauchtes. Ich umgebe mich mit Zeugs, das aus einem Privathaushalt stammt, und entziehe mich dem Mechanismus von Nachfrage und Produktion. Wichtiger Bestandteil meines Fitnessprogramms: die Ware selbst abzuholen! Im privaten Versand gebrauchter Ware kann ich angesichts der vielen zusätzlichen Transportwege und Verpackungsmaterialien keinen gesellschaftlichen Gewinn erkennen. Stattdessen gelange ich mit dem Fahrrad in die entlegensten Winkel der Stadt und übe mich in unverbindlich-freundlich-korrekter Kontaktaufnahme und -bewältigung. Bei Verabredungen wie heute pflege ich zusätzlich den Diskurs mit den aktuellen Witterungsverhältnissen und komme in den für mich absolut seltenen Genuss, ein wenig Zeit nur mit Warten zu verbringen. Und mit Sicherheit hat sich jemand über den gefundenen Fünf-Euro-Schein gefreut.