Fallobst

Gestern Morgen war der worst case eingetreten. Eine der vier Grundkomponenten für mein Frühstück fehlte. Hafermilch, Haferflocken und Nüsse waren da. Aber ich hatte keine Äpfel mehr im Haus.

Der Erwerb von Äpfeln ist während einiger Wochen im Jahr schwierig. Die Lageräpfel sind aufgebraucht, die neue Ernte ist noch nicht in Sicht. In diesen apfelarmen Zeiten greife ich manchmal zu Importware. „Regional“ wird dann ein wenig ausgeweitet, Italien und Frankreich sind immerhin Nachbarn. Aber niemals käme ich auf die Idee, Äpfel aus Argentinien oder Neuseeland zu kaufen. Ich verstehe ehrlich gesagt auch nicht, was die im Bio-Markt zu suchen haben. Oder sagen wir: ich weigere mich nachzuvollziehen, dass Flugstrecken und dabei entstehende Emissionen nicht angeschaut werden, wenn von „Bio“ die Rede ist.

Auf der anderen Seite beobachte ich seit etwa drei Wochen, wie in Nachbars Garten die Äpfel, die der dort stehende Apfelbaum abwirft, im Gras liegen bleiben. Zu drei Mietshäusern gehört die große Wiese, die tatsächlich genutzt und bespielt wird. Es gibt eine Sandkiste und ein kleines Klettergerüst für Kinder, an manchen Sommerabenden fliegt der Federball oder junge Leute sitzen und liegen bis in die Nacht auf Decken, und an Wochenenden finden Familienfeiern und Grillabende statt. Aber die Äpfel interessieren niemanden.

Im letzten Jahr wurde das Fallobst schließlich von den Gärtnern abgeräumt. Ich kam leider zu spät. Ich hatte die beiden Männer vom Balkon aus bemerkt und spontan beschlossen, sie vor dem Start zur Arbeit anzusprechen. Aber die beiden zeigten sich nicht kooperativ und meinten, da sei nix mehr zu holen. Also schrieb ich in diesem Jahr an den Vermieter, eine Wohnungsgenossenschaft, und erklärte mich bereit, das Obst aufzulesen – oder gar einen kleinen Workshop für die Bewohner der drei Häuser in Sachen Apfelgelee-Herstellung zu veranstalten. Nach etwa einer Woche erhielt ich einen Anruf von Frau S., die mir erlaubte, die Äpfel aufzuheben, sofern es mir gelänge, mir Zugang zur Wiese zu verschaffen. „Denn die ist ja von außen nicht zugänglich.“

Seit dem Anruf von Frau S. sann ich folglich darauf, einen Mieter oder eine Mieterin auf der Straße abzufangen oder eine Nachricht mit meiner Mobilnummer an einer guten Stelle zu hinterlassen. Und während ich halbherzig überlegte, weil plötzlich wieder ganz andere Dinge im Vordergrund standen, trat eine ältere Frau auf den Plan, die die Äpfel auflas und sie zu einem kleinen Haufen zusammentrug. Das war vor einer Woche. Warum auch sie keine Äpfel für sich mitnahm, weiß ich nicht. Aber wenigstens hatte jemand die Äpfel wahrgenommen und ihnen Wert beigemessen. Jemand hatte sie aufgehoben und zum Schutz vor Sonne und Regen an einer Stelle unter dem Baum versammelt. Das so entstandene Zeichen, das Häuflein, galt vielleicht auch den anderen als Einladung: Hier, nehmt. Bedient euch.

Die kleine Apfelmiete unter dem Baum behielt ich weiter im Blick. Und dann geschah gestern das Wunder. Ich kam mit meiner Apfellese von der Streuobstwiese im Park zurück – und der kleine Haufen Äpfel bei den Nachbarn war weg. An seiner Stelle stand eine Mutter mit einem kleinen Mädchen, das einen Apfel in der Hand hielt. Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich hoffe einfach, dass sie die Äpfel nicht bloß weggeworfen haben.

Glamour (Nachtrag)

Michael Braungart verzichtet übrigens ganz auf moralische Überlegungen. Ihm reicht es festzustellen, dass unsere Wertstoffwirtschaft auf einem primitiven Niveau stattfindet.

Hauch Glämmer*

Wem die zwölf Monate des vorausgegangenen Jahres noch nicht gereicht haben, erhält mit einem Gruß aus dem Blumengeschäft eine erste neue Gelegenheit, sich ausgiebig zu wundern. Mein Bruder brachte mir bei seinem jüngsten Besuch ein kleines winterliches Sträußchen mit, was mich natürlich freute. Und doch. Ich hätte da mal ein paar Fragen.

Was für eine Gesellschaft ist das, die es sich leistet, Gegenstände herzustellen, deren baldiges Ende in der Mülltonne bereits vor ihrer Herstellung besiegelt ist?

Auf welcher ökonomischen Grundlage kann Müll mit einer derartigen Produktionstiefe — Vorbereitung einer Form respektive Planung des Formgebungsprozesses, Druckvorlagenerstellung für Etikett und Banderole, Druck und Schnitt, Alufolienzuschnitt und Aufkleben der Kleinteile auf das Fläschchen — hergestellt werden?

Welche moralische Berechtigung hat die Existenz von Unternehmen, die sich der expliziten Herstellung von nicht oder schwer abbaubarem Müll widmen?

Wo sind diese Unternehmen und was verdienen die Menschen, die die Maschinen bedienen und in der Verpackung und im Versand arbeiten?

Abgesehen von derlei ökonomischen und sozialen Rätseln ist mir die Botschaft eines Blumenstraußes, der mit der Nachbildung einer Genussmittelverpackung gespickt ist, auch nicht ganz geheuer. Möchte das blasse Fläschchen zwischen pieksendem Nadelgrün und der unproportionierten Dreifach-Zucht-Tröte, genannt Amaryllis, daran erinnern, dass uns mit unserer sparsamen Wintervegetation etwas abgeht, und dass wir dieses Manko durch Drogenkonsum ausgleichen können? Handelt es sich gar um eine periodisch wiederkehrende, nur notdürftig verbrämte Aufforderung aus dem Nachbarland, Exportüberschüsse abzubauen? Oder signalisiert das Champagnerfläschchen bloß, dass der Schenkende eigentlich gern eine richtige Flasche Schampus mitgebracht hätte, ihm aber das Geld dazu fehlte? Waren es die üblichen Einwände (ich vertrag doch nix / muss noch fahren / mit dir möchte ich lieber nicht lallend unterm Küchentisch liegen), die ihn vom Kauf abhielten? Vielleicht wollte er mir durch die Blume auch einfach nur empfehlen, mir mal ordentlich einen zu brennen, damit meine Perspektive ins Lot gerate —

Das kleine Fläschchen hat es in sich. Falls jemand ein Kind mit Kaufladen kennt oder ein Kind, das auch ohne Kaufladen gerne Kaufladen spielt, freue ich mich auf Hinweise. Ich möchte einfach gern vermeiden, dass das Ding in einem Fischbauch landet oder als Nachtcreme eure Poren verstopft.

*schreibe „Glamour“

Neuro

Die Symptome einer Neurodermitis sind das Eine. Das Andere ist die Selbstbeobachtung und Bewertung dessen, was passiert, wenn es passiert. Interessant ist zunächst die Oberflächenstruktur; aber auch Umfang, Verteilung, zeitliche Abfolge und Dauer der Ausbreitung können Kriterien sein beim Versuch, den Ausschlag in den Griff zu bekommen. Bloß bleibt es leider beim Versuch. Denn während analytisches Denken über viele missliche Lebenslagen hinweg helfen kann, führt das Aufspüren von Zusammenhängen bei einer Neurodermitis meistens in die Falle. Zu zahlreich die möglichen Ursachen, unüberschaubar die denkbaren Verkettungen. Der erlittene Schock beim Ablesen des Hygrometers kann sich ebenso auswirken wie die schulische Situation des Sohnes der Chefin — ganz zu schweigen vom Zusammenwirken beider Umstände.

Über geschätzte zwei Jahrzehnte hatte ich mich deshalb nur noch oberflächlich mit meiner Haut beschäftigt und um Hautärzte einen weiten Bogen gemacht. Deeskalation durch Beruhigung des Gemüts und die Gewissheit, dass die borkigen Kringel und juckenden Pusteln mit dem Winter von selbst verschwinden, zog ich dem Pakt mit der Pharmaindustrie vor. Seit einigen Jahren aber zieht sich die „fleckige Zeit“ immer länger in den Sommer hinein. Und weil ich seit Weihnachten eine großflächige, schuppige Rötung am Hals mit mir rumschleppte und auch das Fasten im Frühjahr keine Besserung gebracht hatte, war ich bereit, das Thema erneut anzugehen. Und zwar, diesmal, aus dem Blickwinkel der Kräuterheilkunde. So sammelte ich Brennnesseln nicht mehr nur für meine Smoothies, sondern trank jetzt auch kannenweise Tee aus den Blättern. Der Tee schmeckte und tat gut — bis ich las, dass der entwässernde Effekt auf Dauer zur Demineralisierung führen könne. Oder stand da etwa „Demoralisierung“? Ich freute mich, als ich an einem alten Gemäuer in der Nähe des Rhein-Ufers eine Schöllkraut-Kolonie entdeckte. Bei meiner nächsten Fahrradtour steckte ich den allergrößten Gemüselöffel ein und grub ein paar Schöllkrautpfanzen aus. Aber der Tee aus dem Kraut verursachte mir mehr oder weniger regelmäßig Bauchweh. Besser also, das Kleingedruckte in den Kräuterbüchern aus der Stadtbibliothek noch einmal zu lesen. Ich versuchte es darauf hin mit einer selbstgemachten Salbe, wobei ich das im Rezept empfohlene Schweineschmalz durch Kokosfett ersetzte. Ja, richtig gelesen: böses Kokosfett.

Indes, die gerötete Stelle am Hals widersetzte sich all meinen Experimenten. In meiner Küche überwucherten inzwischen Sträuße von Kräutern, die ich noch bestimmen wollte, die Berge von Teeresten und nicht verwerteten Pflanzenteilen für die braune Tonne. Das Wohnzimmer glich einem Heuboden. Etwa proportional zu meiner Fähigkeit, Kräuter zu unterscheiden und zu benennen, war meine Verunsicherung gewachsen, schließlich hörte das Jucken nicht auf. Ich machte einen Termin beim Hausarzt. Der sah mich nur kurz an und sagte „Neurodermitis“. Dann bearbeitete er weiter seine Tastatur und lächelte müde, als ich eine Gelbsucht-Epidemie erwähnte, die Anfang der Siebziger Jahre an unserer Schule gewütet hatte und nicht ganz spurlos an mir vorbeigegangen war. Er schickte mich „zur Sicherheit“ bei seinem neuen Praxis-Kollegen vorbei. Der Kollege war ebenfalls zunächst für Neurodermitis. Doch wie ein Kaufmann, der die anspruchsvolle Kundin nicht auf Anhieb mit dem gängigen Produkt zufriedenzustellen vermag und deshalb in die Knie geht, um aus einer der unteren Schubladen ein seltener gefragtes Modell hervorzuzaubern, äußerte er den Verdacht auf Granuloma anulare. Granuloma what? Ich ließ mich an die Dermatologie der Uniklinik überweisen.

Der Termin rückte näher. Der Hautarzt war ein in sich gekehrter, nicht mehr ganz junger Mann mit Akzent und, wie es schien, mehr der Wissenschaft zugetan als den Menschen, die, grindig, schorfig, fleckig, tagein und tagaus sein Sprechzimmer passierten. Er bot mir sein schönes Profil zur Ansicht, während er in seinen Bildschirm blickte und mich befragte. Vom Verdacht des Kollegen hielt er nichts, für ihn war der Fall klar. Er versicherte mir, dass meine Schilderungen zu 150% mit den Schilderungen anderer Neurodermitiker übereinstimmten. Die Vorstellung war beendet. Ich verließ die Klinik mit der Diagnose „Neurodermitis“ und einem Rezept für zwei kortisonhaltige Präparate inklusive genauer Gebrauchsanleitung. Fest entschlossen, die vorgeschriebene Behandlung durchzuführen, legte ich zehn Euro auf den Ladentisch der nächsten Apotheke und ging mit zwei Tuben nach Hause. Am Küchentisch las ich den Beipackzettel der Salbe, die ich zuerst benutzen sollte, der mit der starken Konzentration. Ich schraubte sie auf, piekste ein Loch in die Folie der Öffnung, schnupperte vorsichtig an ihr. Schraubte sie wieder zu.

Weiter kam ich nicht. Plötzlich wusste ich wieder, wo ich stehe. Und eine Positionsbestimmung stärkt die Selbstheilungskräfte ungemein.

Warenwirtschaft

Es ist eine Art Training. Zumindest sage ich mir, dass es eine Art Training ist, wenn ich wie vorgestern in Kälte, Wind und Regen neben meinem Fahrrad auf dem Bahnhofsvorplatz stehe und auf einen Verkäufer warte. Kennzeichen und PKW-Modell hatte M. mir am Telefon durchgegeben. Gemerkt habe ich mir nur „GM“ und dass der Wagen schwarz sei. Wir winken uns zu, als wir uns erkennen.

Ich bin auf eine hastige Transaktion eingestellt. Wegen des Kurzparker-Halteplatzes und wegen des Scheißwetters wird M. womöglich im Wagen sitzenbleiben. Der Zwanziger, der Zehner und der Fünfer, die ich am Morgen aus meinem Sparschwein geangelt hatte, weil schon abzusehen war, dass ich es nicht mehr zum Geldautomaten schaffen würde, diese drei Scheine liegen nun griffbereit in meiner linken Manteltasche unter meiner linken Hand. Sechzehn Euro sollen den Besitzer wechseln, für ein Zahlenschloss. Zahlenschlösser werden nur selten angeboten.

M. steigt aus seinem Wagen aus, und auf den Ärmeln seines weißen Hemdes bilden sich schnell immer mehr Regentropfen ab, bis nur noch wenige trockene Stellen übrig sind. „Komm, lass ma‘ hier unters Dach stellen,“ sagt M. und schiebt mich sanft ein paar Meter weiter, wobei ich ja auch mein Fahrrad weiterschieben muss. Später denke ich, dass es dieser hastige Moment war, in dem ich den Fünf-Euro-Schein verloren habe. Denn als ich nach der Kurzeinweisung meines Verkäufers in die Geheimnisse des Zahlenschlosses das Geld aus meiner Tasche ziehe, sind da nur noch 30 statt 35 Euro. M. hilft mir noch, den Boden abzusuchen, leider vergeblich. Tut ihm leid, sagt er, inzwischen ziemlich durchnässt. Dann fährt er weg.

Eine Art Training — Das Zahlenschloss kommt aus China, stinkende Moleküle haben sich wie zur Bestätigung der Herkunft von der Stoffummantelung der Kette auf meine Hände übertragen. Bei dem großen Online-Anbieter, den ich grundsätzlich boykottiere, hätte ich das Schloss für rund 19 Euro kaufen können, inklusive Versand. Einen Moment lang komme ich mir ein bisschen blöd vor. Andererseits bin ich daran seit frühester Jugend gewöhnt und somit nicht erst, seit ich Anfang 2016 zum ersten Mal vom Begriff der „Postwachstums-Ökonomie“ erfuhr. Diese beruht auf der einfachen und schon älteren Erkenntnis, dass unser Planet als physisches Phänomen begrenzt ist, und dass somit auch die in unserer Erde befindlichen Rohstoffe endlich sind. Verringerung der industriellen Produktion, reduzierte Erwerbsarbeit, Selbermachen, Materialkreisläufe und gemeinschaftliche Nutzung von Gütern sowie deren Reparatur stehen somit im Zentrum des Interesses der Postwachstums-Ökonomie. Es ist wichtig, dass die Mitglieder der Zivilgesellschaft diese bis dato ungewohnten Strukturen mehr und mehr einüben, wenn wir das Diktat der Ökonomie überwinden wollen. Deshalb kaufe ich gerne Gebrauchtes. Ich umgebe mich mit Zeugs, das aus einem Privathaushalt stammt, und entziehe mich dem Mechanismus von Nachfrage und Produktion. Wichtiger Bestandteil meines Fitnessprogramms: die Ware selbst abzuholen! Im privaten Versand gebrauchter Ware kann ich angesichts der vielen zusätzlichen Transportwege und Verpackungsmaterialien keinen gesellschaftlichen Gewinn erkennen. Stattdessen gelange ich mit dem Fahrrad in die entlegensten Winkel der Stadt und übe mich in unverbindlich-freundlich-korrekter Kontaktaufnahme und -bewältigung. Bei Verabredungen wie heute pflege ich zusätzlich den Diskurs mit den aktuellen Witterungsverhältnissen und komme in den für mich absolut seltenen Genuss, ein wenig Zeit nur mit Warten zu verbringen. Und mit Sicherheit hat sich jemand über den gefundenen Fünf-Euro-Schein gefreut.